Die KI spielt besser. Wir spielen weiter.

Konzeptionelle Vektorillustration: Zwei Menschen spielen weiter Schach, neben einem Baum möglicher, von einer Maschine berechneter Züge.

Am 30. September schrieb ein Entwickler von Spielmodifikationen, der auf X als discount modder auftritt, sein aktuelles Projekt könnte sein letztes sein, falls dies zum Dauerzustand des Moddings werde. Er wolle nicht Teil einer Fabrik für KI-generierte Inhalte sein.

Gemeint war die Welle von Videos, in denen Spiele mit anderen Spielen vermischt wurden: Spielmechaniken, Umgebungen und Figuren, übertragen mithilfe von Programmieragenten. Modding bedeutet, ein Videospiel so zu verändern, dass es andere Möglichkeiten bietet – von kleinen Korrekturen bis zu einer zusätzlichen Kampagne. Neu war, wie viel Arbeit diese Agenten inzwischen übernehmen zu können schienen.

Zwei Tage später kritisierte ein anderer Modder, Kran, denselben Trend, mit einem aufschlussreichen Zusatz: Er selbst nutzte ebenfalls KI. Er wollte Werkzeuge, mit denen bislang unmögliche Dinge entstehen können. Ihn störte, dass vor allem Mischungen Aufmerksamkeit bekamen, die für einen kurzen Clip gedacht waren.

Es wäre unfair, beide Reaktionen auf die Angst vor einer Niederlage gegen eine Maschine zu reduzieren. Es geht auch um Qualität und die Gemeinschaft, an der diese Entwickler teilhaben möchten. Doch die Entmutigung führt zu einer Frage, die wir schon bei generierten Bildern und zuletzt in der Mathematik gesehen haben: Wenn eine Maschine das kann, womit wir so viel Zeit verbracht haben, wozu dann weitermachen?

Eine Tätigkeit lebt seit Jahrzehnten mit dieser Frage. Und ihre Anhänger setzen sich immer noch ans Brett.

Was sich ändert, wenn ein Projekt für jeden erreichbar scheint

Ein konkretes Beispiel macht die Wirkung verständlich. Garry’s Redemption soll Bewegungen und Werkzeuge aus Garry’s Mod in die Welt von Red Dead Redemption 2 bringen. Der Autor schreibt Claude Opus 5.5 das Schreiben, Debuggen und Testen des Codes unter menschlicher Anleitung zu.

Laut Dokumentation laufen beide Spiele gleichzeitig und tauschen aus, was jeweils geschieht. Garry’s Mod liefert die Steuerung des Spielers und die Werkzeuge; Red Dead Redemption 2 liefert die Welt und ihre Bewohner. Der Autor bezeichnet das Projekt als Beta, die auf einem einzigen Rechner getestet wurde. Das rechtfertigt die Beschreibung als dokumentiertes Experiment, ohne bereits ein ausgereiftes Erlebnis für alle Spieler vorauszusetzen.

EIN KONKRETER FALLZwei Spiele tauschen das Geschehen aus
Garry’s ModSpielerbewegung
Waffen und Werkzeuge
Eine Brücke dazwischenAustausch von Positionen
und Aktionen
Red Dead Redemption 2Umgebungen, Figuren
und Darstellung der Welt
Vereinfachtes Schema von Codin auf Grundlage des Repositorys des Autors. Es erklärt den Projektansatz; es ist weder ein Screenshot noch eine unabhängige Überprüfung der Funktionsweise.

Wer jahrelang gelernt hat, wie eine Spiele-Engine funktioniert, kann durch ein solches Experiment die eigenen Fähigkeiten anders wahrnehmen. Was wenigen Menschen vorbehalten schien, wirkt mit Unterstützung eines Modells plötzlich zugänglich. Bei jeder Demo bleibt viel zu prüfen. Aber die Unruhe muss nicht warten, bis alles perfekt funktioniert.

Dabei vermischen sich zwei Fragen. Die eine lautet, wie viel Arbeit automatisiert werden kann. Die andere, warum wir diese Arbeit machen wollten. Die erste kann sich sehr schnell verändern, ohne dass es auf die zweite nur eine Antwort gibt.

Schach verlor die menschliche Überlegenheit und wuchs weiter

Im Mai 1997 besiegte Deep Blue Garri Kasparow in einem Wettkampf über sechs Partien mit 3,5 zu 2,5. Es war der erste Wettkampfsieg eines Computers über den amtierenden Weltmeister unter Turnierbedingungen. Das machte nicht schlagartig jedes Programm unbesiegbar, zeigte aber die Richtung der Entwicklung.

Heute übertreffen die besten Schachprogramme die besten menschlichen Spieler deutlich. Werkzeuge wie Stockfish sind zudem kostenlos verfügbar und liefern Analysen auf Plattformen, die Millionen Menschen nutzen. Für eine Bewertung, die ein Amateur allein niemals erstellen könnte, braucht man keinen IBM-Supercomputer.

Wäre Schach nur deshalb attraktiv, weil Menschen die besten Wesen sind, die es spielen können, hätte es allmählich seine Daseinsberechtigung verlieren müssen. Chess.com erreichte jedoch 2022 die Marke von hundert Millionen registrierten Konten und 2025 die von zweihundert Millionen. Im Jahresrückblick 2025 meldete die Plattform mehr als sechs Milliarden Partien.

NACH DEEP BLUEMeilensteine registrierter Konten auf Chess.com
20101 Million
201410 Millionen
2022100 Millionen
2025200 Millionen
Quelle: Chess.com, im September 2025 aktualisierte Statistik. Gezeigt werden Meilensteine kumulierter Registrierungen, keine aktiven Spieler und keine weltweite Erhebung. Die Balken haben dieselbe lineare Skala. Das Wachstum belegt nicht, dass KI es verursacht hat.

Präzision ist wichtig: Die Zahlen belegen nicht, dass heute mehr Menschen Schach spielen als jemals zuvor. Auch lässt sich das Wachstum nicht den Schachprogrammen zuschreiben. Sie zeigen aber genug für unser Argument: Starkes Wachstum einer Schachplattform ist mit der Überlegenheit von Maschinen vereinbar.

Die Erklärung kennt man aus jeder Partie unter Freunden. Wer nach zehn Minuten Nachdenken eine Kombination findet, freut sich nicht weniger, weil ein Programm sie sofort gesehen hätte. Der Gegner, die Anstrengung, die Überraschung und das eigene Verständnis zählen. Der Zug besitzt innerhalb dieser Erfahrung einen Wert.

Das galt schon vor der KI. Fast kein Amateur hätte Kasparow jemals übertroffen. Seine Existenz machte die Sonntagspartie nicht sinnlos. Man konnte besser werden, ohne die beste Intelligenz des Planeten werden zu wollen.

Es schmerzt, etwas zu verlieren, das uns besonders machte

Der Vergleich mit einem Großmeister hat eine Grenze. Ein außergewöhnlicher Mensch ist selten; ein Programm kann allen zur Verfügung stehen. Wer etwas Schwieriges beherrscht, kann anderen helfen, einen Platz in einer Gruppe einnehmen und Anerkennung erhalten. Wird diese Fähigkeit allgemein verfügbar, kann sich dieser Platz verändern, obwohl die Freude an der Tätigkeit bleibt.

Stellen wir uns einen Modder vor, an den sich seine Community wegen einer bestimmten Fehlerart wandte. Er untersuchte den Fehler gern, genoss aber auch, derjenige zu sein, der ihn beheben konnte. Wenn morgen jeder die Korrektur von einem Assistenten erhält, weiß er noch immer dasselbe und hat vielleicht ein besseres Werkzeug. Trotzdem ist ein Teil dessen verschwunden, was er dafür bekam. Ihm zu sagen, er solle sich über die höhere Produktivität freuen, blendet einen echten Verlust aus.

So lässt sich Entmutigung verstehen, ohne sie zum Beweis dafür zu machen, dass die Tätigkeit jeden Wert verloren hat. Eine Fähigkeit kann aufhören, außergewöhnlich zu sein, und trotzdem interessant bleiben. Sie kann ihren Preis verlieren und ihren Nutzen behalten. Sie kann für ein Produkt weniger nötig werden und dennoch Urteilskraft oder Beziehungen zu anderen Menschen fördern.

Andere werden gerade deshalb anfangen, weil eine Hürde kleiner wird. Denken wir an jemanden, der eine kleine Mission für seine Freunde bauen möchte. Ihn interessieren das Szenario und die Entscheidungen der Spieler, doch er scheitert an den Spieldateien. Übernimmt ein Assistent diesen Teil, eröffnet sich eine kreative Möglichkeit. Für jemand anderen war gerade die Untersuchung dieser Dateien der Spaß. Beide müssen nicht dasselbe automatisieren wollen.

Das sind hypothetische Beispiele, keine Prognosen über die Zahl neuer oder ausscheidender Modder. Sie zeigen, warum ein Werkzeug einen Menschen entmutigen und einen anderen begeistern kann, ohne dass einer von beiden etwas vorspielt.

Für falsch halten wir den nächsten Sprung: von „Ein Teil meiner Motivation hat sich verändert“ zu „Es hat keinen Sinn mehr, das zu tun“.

Ein fertiges Bild und ein verstandener Beweis

Beim Zeichnen lässt sich dieselbe Unterscheidung treffen. Wer ein Bild für eine Präsentation braucht, hat sein Problem vielleicht gelöst, wenn es in Sekunden entsteht. Wer sich zum Zeichnen hinsetzt, um ein Gesicht genauer beobachten zu lernen, lernt das nicht durch ein generiertes Bild. Selbst wenn ihm das Ergebnis besser gefällt als die eigene Zeichnung, hat er das Sehen nicht geübt.

Für einen Illustrator, der von Aufträgen lebt, steht außerdem etwas anderes auf dem Spiel: ob weiterhin jemand seine Arbeit bezahlt. Dass er zum Vergnügen weiterzeichnen kann, beantwortet den Einkommensverlust nicht. Schach hilft bei der Frage nach dem Sinn einer Praxis. Für jemanden, der fragt, wie er seinen Lebensunterhalt verdienen soll, reicht es als Antwort nicht aus.

In der Mathematik kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu. Timothy Gowers erklärte am 17. September, dass eine seiner wichtigsten Motivationen, Mathematiker zu werden, das Lösen offener Probleme gewesen sei – je berühmter, desto besser. Er weiß nicht, ob er ohne diesen Wunsch denselben Weg eingeschlagen hätte. Er befürchtet, dass junge Menschen, die geforscht und die mathematische Tradition weitergegeben hätten, darauf verzichten werden.

Wir haben darüber in unserem Artikel über die Verantwortung der KI-Unternehmen gegenüber der mathematischen Gemeinschaft geschrieben. Ein neues Ergebnis, das dadurch mögliche Verständnis und die Ausbildung derjenigen, die es studieren, hängen zusammen, sind aber verschiedene Dinge.

Hier muss die Schachanalogie angepasst werden. Jede Partie beginnt neu; ein offenes Problem ist nach seiner Lösung nicht mehr offen. Wer als Erster einen Beweis finden wollte, verliert diese Gelegenheit tatsächlich durch eine fremde Lösung. Es reicht nicht, ihm zu sagen, er solle den Beweis wiederholen und dasselbe empfinden.

Daraus zu schließen, dass sein Verständnis wertlos sei, wäre jedoch ebenfalls unvernünftig. Wer einen bekannten Beweis selbst wiederentdeckt, gewinnt etwas, das ihm vorher fehlte, auch wenn die Bibliothek keinen neuen Satz erhält. Das institutionelle Problem entsteht, wenn allein das Ersteintreffen als Beitrag zählt und für Erklären, Verknüpfen und das Lehren des Denkens mit diesen Ideen kein Platz bleibt.

Diese Veränderung verdient konkrete Arbeit. Sie verlangt auch Ehrlichkeit: Das Interesse an Mathematik zu erhalten, garantiert weder jeden Berufsweg noch jeden früheren Beweggrund für ihre Erforschung.

Schach erhält den Raum zum Spielen

Eine weitere Lehre des Schachs fehlt häufig im Vergleich. Die Schachwelt hat nicht nur festgestellt, dass Menschen aus Freude weiterspielen. Ihre Gemeinschaften unterscheiden zwischen maschineller Analyse und dem Empfangen von Computerzügen während einer Partie gegen einen Menschen.

So verbietet Chess.com Programme, die während Partien gegen andere Nutzer Stellungen analysieren. Die Plattform kann Analysewerkzeuge anbieten und zugleich Partien schützen, in denen jeder selbst entscheidet. Technischer Fortschritt und die Regeln einer Tätigkeit erfüllen verschiedene Aufgaben.

Eine einfache Szene: Du spielst eine Partie, suchst einen Plan und verlierst. Danach schaust du in die Analyse und erkennst, warum dein Angriff nicht funktionierte. Das Programm trägt zum Lernen bei. Hätte es alle deine Züge gewählt, während du eigenes Spiel vortäuschst, hätte es die Tätigkeit verändert und die Vereinbarung mit deinem Gegner gebrochen.

Modding und Kunst haben kein einheitliches Regelwerk, auf das sich diese Trennung unverändert übertragen ließe. Ihre Räume können aber deutlich machen, was sie bieten: eine Sammlung spielbarer Erlebnisse, eine Werkstatt zum Bauenlernen, einen Einblick in die Arbeitsweise der Autoren oder einen Ort zum Experimentieren mit Werkzeugen. Jedes Ziel lässt andere Beiträge wertvoll werden.

Hier gewinnt Krans Kritik an Gewicht. Wenn eine Community Dinge belohnt, die nicht mehr der gewünschten Praxis ihrer Mitglieder entsprechen, hilft der Hinweis auf den weiterhin verfügbaren Editor nicht. Sorgfältige Arbeiten finden, hilfreiches Feedback bekommen und sich mit Interessierten austauschen zu können, zählt ebenfalls.

Schach beweist deshalb nicht, dass alles von allein gut ausgeht. Es zeigt, dass eine Tätigkeit nach dem Verlust technischer Überlegenheit wertvoll bleiben kann und dass Regeln und Räume für ihre Ausübung diesen Wert stützen.

Zum Weitermachen müssen wir die Maschine nicht schlagen

Wir bei Codin glauben nicht, dass eine Tätigkeit sich nicht mehr lohnt, sobald KI sie besser ausführen kann. Dieser Schluss verwechselt einen Maßstab für das Ergebnis mit sämtlichen Gründen, weshalb jemand mitmacht.

Auch müssen wir Hobbys nicht mit dem Versprechen verteidigen, dass immer eine ausschließlich menschliche Fähigkeit übrig bleiben werde. Heute vielleicht Geschmack, morgen die Wahl der Fragen, übermorgen Originalität. Hängt jeder Grund zum Weitermachen davon ab, dass das Modell etwas noch nicht kann, brauchen wir nach jedem Fortschritt eine neue Rechtfertigung.

Das Argument sollte auch ein anspruchsvolleres Szenario überstehen: Angenommen, eine KI erstellt irgendwann bessere Mods, Bilder und Erklärungen als wir. Sie hätte trotzdem nicht an unserer Stelle gelernt. Sie hätte diesen Nachmittag trotzdem nicht mit unseren Freunden verbracht. Das fertige Ergebnis enthält nicht alle Erfahrungen, die beim Herstellen möglich sind.

Das bringt Einkommen, Aufmerksamkeit oder Anerkennung nicht automatisch zurück. Wer Communities und Plattformen betreibt, muss entscheiden, was sichtbar wird und Anerkennung bekommt. Wer andere ausbildet, muss erklären können, was lernenswert bleibt, obwohl es bereits ein Werkzeug lösen kann. Und wer etwas schafft, sollte wählen können, welche Teile er delegiert und welche er selbst üben will.

Ein Modder kann mit KI eine lästige Aufgabe loswerden und mehr Zeit in eine Mission investieren. Ein anderer schreibt vielleicht alles selbst, weil er genau diese Herausforderung genießt. Er kann auch aufhören. Ein spektakuläres Video bedeutet jedoch nicht, dass Weitermachen absurd geworden ist.

Wenn eine Maschine das nächste Mal in Sekunden schafft, was wir jahrelang gelernt haben, wird es Verluste und Möglichkeiten zu prüfen geben. Bevor wir die Tätigkeit für beendet erklären, sollten wir uns fragen, was wir darin gefunden haben.

Schach gibt eine konkrete Antwort. Wir wissen, dass die Maschine einen besseren Zug finden würde. Trotzdem wollen wir sehen, welchen Zug wir selbst finden können.

Quellen

Die Aussagen über den Sinn von Kreativität und Lernen geben Codins redaktionelle Position wieder. Die zitierten Einzelberichte sind keine Umfrage in der Modding-Community.

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